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Das Projekt "Ein wirtschaftswissenschaftliches Indikatorensystem zur Messung von Sicherheit und Sicherheitswirtschaft in Deutschland (WISIND)" wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung  im Rahmen des Sicherheitsforschungsprogramms der Bundesregierung für drei Jahre bis März 2015 gefördert.

Das Forschungsprojekt wurde vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) bei der Bekanntmachung "Gesellschaftliche Dimensionen der Sicherheitsforschung" beantragt. DIW und BIGS arbeiten gemeinsam am Projekt zur Entwicklung eines sicherheitsbezogenen Indikators.

Teilprojekt DIW

Der WISIND-Indikator als Weiterentwicklung

Das DIW Berlin ist im WISIND-Projekt für die Erstellung des Kriminalitätsindikators und weitestgehend für die damit verbundenen Datenerhebungen verantwortlich.
Umfassende Informationen zu den hier in Kürze dargestellten Ergebnissen, sowie zu den Indikatorkarten, die Sie sich unter dem Reiter "Sicherheitsindikator" generieren können, sind in den DIW-Wochenberichten 3-2015 und 12-2015 zu finden. Die Veröffentlichungen sind online abrufbar, Links finden Sie auf dieser Seite unter "Publikationen".

Der Kriminalitätsindikator zielt darauf ab, bisher bestehende Forschungslücken zu schließen:

  • Bisherige Analysen bauen insbesondere auf Monetarisierungsansätzen auf. Diese werden vielfach aus ethischen Gründen kritisiert. WISIND stellt neben das etablierte Monetarisierungsverfahren drei weitere transparente Gewichtungsverfahren.
  • In der Messung von Sicherheit liegt meist ein Fokus auf der subjektiven oder objektiven Dimension von Sicherheit. WISIND berücksichtigt demgegenüber beide Dimensionen.
  • Bislang wird in Analysen häufig das (teilweise beträchtliche) Dunkelfeld von Kriminalität ausgeklammert. WISIND berücksichtigt Dunkelfelder auf Basis einer repräsentativen Telefonbefragung (CATI) mit 12.093 Befragten. Dabei wurde auch die Wahrnehmung von Kriminalität abgefragt.

Methodik

Umfangreiche Bevölkerungsbefragungen zum Dunkelfeld und zur Gewichtung unterschiedlicher Delikte ermöglichen eine breite Perspektive auf die Kriminalitätslage in allen deutschen Landkreisen und das Sicherheitsempfinden der dort lebenden Bevölkerung.
Dafür wurde im Sommer 2014 eine repräsentative Befragung von gut 12000 Personen in Deutschland durchgeführt. Inhalt der Befragung war neben den Erfahrungen von Kriminalität als Opfer (Viktimisierung) auch die Kriminalitätsfurcht. Beide Komponenten - Furcht und Opfererfahrung - wurden jeweils für unterschiedliche Deliktgruppen abgefragt. Der Bereich Internetkriminalität fand dabei Berücksichtigung. Langfristige Trends seit 2003 werden durch die Berechnung eines Rumpfindikators abgebildet.

Der Indikator basiert auf vier unterschiedlichen Gewichtungsansätzen:

  1. Monetarisierungsgewichtung (auf Basis der bestehenden Literatur)
  2. Meinungsbasierte Gewichtung (jedes Delikt wird mit einem Schweregrad gewichtet, welcher aus einer an Repräsentativität ausgerichteten online-Befragung ermittelt wurde. Unser erreichtes Sample besteht aus 2.532 Interviewten, wobei 517 Befragte das Internet nicht nutzen. Diese Personen wurden über ihren TV-Bildschirm befragt). Die Stichprobe wurde aus einer Grundgesamtheit offline in einem mehrstufigen Zufallsverfahren gezogen und beinhaltet 30.000 Zielpersonen.
  3. Expertengewichtung (jedes Delikt wird mit einem Schweregrad gewichtet, welcher aus einer Befragung von Sicherheitsexperten ermittelt wurde. Die 203 Experten entstammen vorrangig unterschiedlichen Disziplinen der Sicherheitsforschung. Darüber hinaus sind auch einige Vertreter von Sicherheitsbehörden und der Sicherheitswirtschaft beteiligt).
  4. Datenbasierte Gewichtung/IRT (die Gewichte der Delikte werden mit einem statistischen Verfahren (der Item Response Theory - IRT) aus den Daten selbst geschätzt)

Ergebnisse

Objektive Kriminalitätsbelastung

Um die objektive Kriminalitätsbelastung in Deutschland zu bestimmen, wurde die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) neu aufbereitet. In der PKS wird weder das sogenannte Dunkelfeld von Deliktarten erfasst noch werden Delikte nach ihrer „Schwere“ unterschiedlich gewichtet. Vielmehr gehen die reinen Fallzahlen ohne Unterscheidung aufsummiert in die offizielle Statistik ein.

Für das WISIND-Projekt fanden demgegenüber sowohl das bei bestimmten Deliktarten erhebliche Dunkelfeld als auch der Schweregrad von Delikten Berücksichtigung. Die Ergebnisse der Berechnungen zur Erfassung des Dunkelfelds sind in der folgenden Tabelle dargestellt.

Die Korrekturfaktoren wurden in der Regel auf Basis ob genannter Befragung mit 12094 Interviewten berechnet. Da diese Fallzahl für vergleichsweise seltene Deliktformen (z.B. schwere Körperverletzung) immer noch niedrig ist, wurde die Opferwerdung mit Bezug zu größeren Deliktgruppen (z.B. leichte und schwere Körperverletzung) abgefragt und lediglich eine bundesweit einheitliche Dunkelfeldkorrektur berechnet.

Korrekturfaktor Dunkelfeld (Mittelwerte der Schätzungen für 2012 und 2013)

Mittelwert Standardfehler
Tötungsdelikte [1] 1,8285
Einbruch [2] 5,565 0,039
Diebstahl [2] 2,937 0,128
Körperverletzung 4,047 0,721
Bedrohung 28,911 0,339
Internetkriminalität 247,151 1,848

[1] Berechnet auf Basis einer deutschlandweiten Studie zu Fehlern bei der Leichenschau (Brinkmann 1997).

[2] Einbruch bestehend aus Tageswohnungseinbruch und Wohnungseinbruchsdiebstahl, sowie ab 2009 zusätzlich aus Diebstahl in/aus Boden-, Kellerräumen und Waschküchen; Diebstahl ab 2009 ohne Diebstahl in/aus Boden-, Kellerräumen und Waschküchen.

Quelle: Bundeskriminalamt (2012/2013): Polizeiliche Kriminalstatistik. Bug, M., Meier, K., Kroh, M., Rieckmann, J., van Um, E., Wald, N. (2015): WISIND-Datensätze Kriminalitätsgewichtung; Berechnungen des DIW Berlin.

Die Gewichtung der Kriminalitätsbelastung setzt einzelne Kriminalitätsdelikte zueinander in Bezug und berücksichtigt die „Schwere“ der Delikte. Die Gewichtungsfaktoren der einzelnen Verfahren sind in der folgenden Tabelle dargestellt.

Bedeutungsgewichte der Delikte für objektive Kriminalitätsbelastung

Monetarisierung Bevölkerung Sicherheitsexperten IRT (1/Häufigkeit) IRT (Relevanz)
Mord und Totschlag 1 0,9055 0,9585 1 (fix) 0,000079
Pol. mot. Krim. 0.00000044 [1] 0,1012 0,1067 0,053 0,035
Körperverletzung 0.014 0,0476 0,0661 0,001 1 (fix)
Internetkriminalität 0.00010338 0,0263 0,0339 0,0003 13,224
Einbruch 0.00047404 0,0193 0,0224 0,0017 1,406
Diebstahl 0.00043111 0,0114 0,0112 0,0004 4,416
Bedrohung 0.00000044 [1] 0,0089 0,0193 0,0002 6,654

[1] Ein symbolischer Euro

Quellen: Bug, M.; Meier, K.; Kroh, M.; Rieckmann, J.; van Um, E.; Wald, N. (2015): WISIND-Datensätze Kriminalitätsgewichtung. Berechnungen des DIW Berlin.

Kriminalitätsfurcht

Die Messung von Kriminalitätsfurcht kann – gegenüber der Messung der objektiven Kriminalitätsbelastung – nicht auf eine bestehende Datenbasis aufbauen. Um Kriminalitätsfurcht dennoch abzubilden, wurde für das WISIND-Projekt ein breiter Ansatz gewählt. Bestehende Befragungsdaten gingen ebenso in die Berechnung ein wie selbst erhobene Befragungsdaten, Daten zu Sicherheitsausgaben und Auswertungen sozialer Netzwerke.

Im Ergebnis zur befragten Kriminalitätsfurcht hinsichtlich konkreter Deliktgruppen zeigt sich eine insgesamt geringe Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung. Der Großteil der Befragten hat nur geringe Befürchtungen, Opfer von Kriminalität zu werden. Das sind unter 10% bei körperlichen Übergriffen und unter 20% bei Eigentumsdelikten. Diesem allgemeinen Trend steht allerdings die Risikowahrnehmung zu Internetkriminalität gegenüber. Dort äußerte ein gutes Drittel der Befragten die Befürchtung, im kommenden Jahr Opfer von Internetkriminalität zu werden.

Ergebnisse der WISIND-Kriminalitätsbefragung (Risikowahrnehmungen sind das Mittel aus Furcht vor einem Deliktbereich und eingeschätzter Wahrscheinlichkeit einer Opferwerdung; n=12094)

1 (sehr niedrig) bis 4 (sehr hoch)
1 (sehr niedrig) bis 4 (sehr hoch)
1 (sehr niedrig) bis 4 (sehr hoch)

 

Quellen: Bug, M.; Meier, K.; Kroh, M.; Rieckmann, J.; van Um, E.; Wald, N. (2015): WISIND-Datensätze Kriminalitätsbefragung; Berechnungen des DIW Berlin.